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Platzhirsch gegen Elektro-Newcomer 

ID.3 GTX oder Golf GTI: Welcher Kompaktsportler hat in Sachen Fahrspass die Nase vorn? Rennfahrerin Jasmin Preisig macht den Praxistest.

Benzin im Blut – die Message, die auf der ­Website von Jasmin Preisig direkt neben ihrem Namen prangt, ist eindeutig. Aufgewachsen als Tochter ­eines Garagisten, dreht die Appenzellerin bereits als Teenagerin im Kart ihre Runden: Sie liebt den ­Geruch von Motorenöl und den Sound, der aus einem Rennauspuff dröhnt.
 

Inzwischen ist die 33-Jährige professionelle Renn­pilotin und Instruktorin. Seit 2019 fährt sie – meist im Golf GTI TCR – Tourenwagenwettbewerbe wie die 24-Stunden-Rennen am Nürburgring (siehe Box). Und ist damit die perfekte Fahrerin, um den aktuellen Golf GTI einem Vergleichstest zu unterziehen. Der zweite Kandidat der Gegenüberstellung ist ebenfalls ein kompaktes Kraftpaket, wenn auch ein vollelektrisches: der neue ID.3 GTX.

Während der Golf GTI längst eine rollende Legende ist, 1976 die Klasse der alltagstauglichen, bezahlbaren Kompaktsportler begründet hat und in acht Generationen knapp 2,5 Millionen Mal produziert ­wurde, gibt es den ID.3 erst seit 2024 als GTX-Version. Er ist quasi der GTI für die Generation E und Teil der ID. Familie von Volkswagen. Diese wurde 2020 mit dem ID.3 lanciert und führt seit Anfang Jahr die ­Verkaufsrangliste bei den E-Autos in Europa an.

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Jasmin Preisig jagt den vollelektrischen Kompaktwagen im Sportmodus über die Teststrecke. Und vermisst dabei lediglich den Motorensound.

Die Extraportion Fahrspass

Was uns beim Vergleichstest besonders interessiert: Bringt der GTX ebenfalls die Extraportion Fahrspass mit, die den GTI seit fast fünf Jahrzehnten auszeichnet? Um das herauszufinden, lassen wir die beiden auf der abgesperrten Strecke des TCS-Fahrzentrums Betzholz in Hinwil gegeneinander antreten. Optische Gemeinsamkeiten sind sofort ersichtlich: Das schwarze Rautengitter an der Schürze des GTX nimmt Elemente des GTI-Wabengrills auf. Im Interieur sind es die roten Ziernähte an Lenkrad und Sportsitzen, die an den Verbrenner-Bruder erinnern. «Sportlich-schnittig sehen sie definitiv beide aus», stellt Jasmin Preisig fest.

Weitere Gemeinsamkeiten zeigen die Datenblätter: Mit 4,26 Metern und 4,29 Metern sind sie ähnlich lang, auch die Breite ist praktisch identisch. Einzig in der Höhe überragt der ID.3 den Golf deutlich um neun Zentimeter, was am Batteriepaket im Unterboden liegt. Bei der Motorleistung übertrumpft der 286 PS starke Elektrosportler die 265 PS des 2-Liter-Turbo-Benziners zwar leicht, den Sprint von 0 auf 100 km/h absolvieren sie aber zeitgleich in rassigen 5,9 Sekunden.

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Schneller Antritt: Der ID.3 GTX lässt den Golf GTI beim Sprint deutlich stehen, muss sich aber beim Slalom mit dem zweiten Platz begnügen.

E-Sportler «geht ab wie ein Zäpfli»

Genug der theoretischen Vergleiche, nun will Jasmin Preisig erfahren, wie sich die Kompaktsportler in der Praxis, konkret auf der Teststrecke des TCS in Betzholz schlagen. Und dafür jagt sie die beiden zuerst über die Viertelmeile. Mit einem klaren Ergebnis: Die rund 400 Meter aus dem Stand legt der Stromer deutlich schneller zurück als der Verbrenner. «Der GTX geht wirklich ab wie ein Zäpfli», sagt die Rennfahrerin beeindruckt. «Das ist das Tolle an Elektroautos: Man tritt auf das Pedal und sofort setzen die ganzen 100 Prozent Leistung ein. Beim GTI hingegen kommt zuerst einmal das Turboloch …»

Je näher der Zielstrich aber rückt, desto mehr holt der Golf auf. Und bei der Höchstgeschwindigkeit lässt er dem ID.3 keine Chance – der GTI schafft 250 Stundenkilometer, während beim GTX in der normalen Version bei 180 km/h Schluss ist, als Performance beschleunigt er bis 200 km/h. «Auf der Rundstrecke dürfte also der Golf GTI die Nase vorn haben», vermutet Jasmin Preisig.

Das legt auch die zweite Testdisziplin, der Autoslalom, nahe. Präzise umkurvt die Pilotin mit den beiden Kompaktsportlern abwechselnd die zehn rot-weissen Pylonen. Als Sieger geht der Golf GTI hervor. Mit 9,5 handgestoppten Sekunden ist er eine halbe Sekunde schneller als das elektrische Pendant, das seinen Beschleunigungsvorteil nicht ausspielen kann. «Dem GTX merkt man das Mehrgewicht der Batterie von rund einer halben Tonne an. Er schiebt mehr über die Vorderräder», erklärt die Autoexpertin. «Der GTI ist da etwas agiler.»

Man tritt auf das
Pedal und sofort
setzen die ganzen
100 Prozent
Leistung ein.

Den Golf GTI zeichnet auch in der achten Generation die Kombination aus Fahrspass und Alltagstauglichkeit aus.

Im Alltag verbucht das schwere Akkupaket des Stromers aber durchaus auch Pluspunkte. Es sorgt für einen tiefen und perfekt verteilten Schwerpunkt zwischen Vorder- und Hinterachse. Dadurch ­quittiert der ID.3 GTX rasche Richtungswechsel wie beim Slalom mit sichtbar weniger starken Wank­bewegungen.

Spannend dürfte die nächste Kategorie werden: das Driften. Die Vorteile sollten hier konstruktionsbedingt beim Elektrosportler liegen. Im Gegensatz zum Golf GTI, der seit bald 50 Jahren über Vorderradantrieb verfügt, wird beim ID.3 GTX nämlich die ganze Kraft an die Hinterräder geleitet – was eigentlich spektakuläre Manöver auf der gewässerten Kreisbahn garantiert. Doch Jasmin Preisig hat einige Mühe, das Heck über längere Zeit zum Ausscheren zu bringen, so rasch und vehement schreitet das nicht abschaltbare ESP ein. Das elektronische Stabilitätsprogramm hilft, die Kontrolle über das Fahrzeug zu behalten, indem es Schleudern und Ausbrechen verhindert. Und auch wenn sich das ESP beim GTI temporär ausschalten lässt, erobert keiner der Probanden den Titel als Driftkönig.

Zwei Gewinner

Ihre Stärken spielen sie dafür zum Abschluss umso deutlicher auf dem Handling-Parcours aus. Mit dem hohen Drehmoment, der exakt reagierenden Progressivlenkung und den herzhaft zugreifenden Bremsen zaubern die zwei Kompaktsportler der Testfahrerin ein Dauergrinsen ins Gesicht.

Das Fazit von Jasmin Preisig fällt entsprechend positiv aus: «Beide bieten enorm viel Fahrspass, bleiben aber stets sicher und berechenbar und sind genauso alltagstauglich wie die Einstiegsmodelle.»

Als «Petrolhead» favorisiert sie dennoch den Golf GTI – «mir fehlt im ID.3 GTX definitiv das Motorengeräusch. Aber es ist erstaunlich, wie nahe der GTX dem GTI kommt und ihn in gewissen Belangen sogar übertrifft.»

Text Reto Neyerlin
Fotos Christof René Schmidt
Video Dominique Zahnd

Klassensieg am Nürburgring

Es war ein aussergewöhnliches Motorsport-Wochenende für Volkswagen am Nürburgring Mitte Juni: Beim legendären 24-Stunden-Rennen in der «Grünen Hölle» feierte der Golf GTI Clubsport 24h von Max ­Kruse Racing den Sieg in der Klasse AT3 für Fahrzeuge mit alternativen Treibstoffen – der 397 PS starke Rennwagen war zu 60 Prozent mit regenerativen Rohstoffen betankt. Weniger Glück hatte der zweite Golf GTI des Teams, bei dem auch Jasmin Preisig hinter dem Steuer sass. Nach 31 Runden musste das Auto mit überhitztem Motor vor­zeitig abgestellt werden. Am Tag vor dem Klassiker erlebte der neue Golf GTI Edition 50 vor den Motorsport-Fans seine Weltpremiere. Der mit 325 PS stärkste Serien-GTI aller Zeiten kommt pünktlich zum Jubiläum im Frühjahr 2026 auf den Markt.

Vielfältige Fahrkurse

Das TCS-Zentrum Betzholz in Hinwil (ZH) ist das grösste Fahrzentrum der Schweiz. Hier und in den fünf weiteren Fahrzentren in allen Regionen des ­Landes bietet TCS ­Training & Events mit über 100 ausgebildeten Instruk­toren
eine Vielzahl von Kursen für PW, Motorrad, LKW, Bus, ­Lieferwagen, Spezial­kurse für Sport­fahrer, Offroad und natürlich auch die 2-Phasen-Ausbildung an. Dies jeweils unter dem Motto «Lernen durch Erleben».

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