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Und es fährt von selbst

Die Volkswagen Tochter MOIA hat mit dem ID. Buzz AD ein neues Shuttlefahrzeug vorgestellt. Der Clou: Es fährt serienmässig autonom. Und das klappt sogar in einer Grossstadt wie Hamburg.

Der Puls ist leicht erhöht, ja sogar ein paar Schweissperlen bilden sich auf der Stirn: Eine gewisse Grundnervosität ist zweifellos vorhanden, als wir in den schwarz-gold lackierten ID. Buzz AD von MOIA einsteigen. Dieser soll uns auf eine kleine Spritztour durch Hamburg mitnehmen und dabei fahrerlos, also ganz von allein, durch den Grossstadtdschungel manövrieren – schliesslich steht das Kürzel AD für «Autonomous Driving».

Zusammen mit MOIA-Kommunikationschef Christoph Ziegenmeyer, der das Fahrzeug kurz vorher über sein Smartphone zu uns bestellt und damit auch geöffnet hat, nehmen wir – drei Schweizer Journalisten – hinten auf den bequemen Sitzen Platz. Weit weg von Lenkrad und Bremspedal, wo immerhin ein Herr als sogenannte Sicherheitsperson sitzt. «Nur von Gesetzes wegen», erklärt er uns augenzwinkernd.

Sobald wir alle angeschnallt sind, startet die Fahrt. Nach ein paar Metern kommt schon eine Kreuzung mit Lichtsignal. Dieses steht auf Rot. Offenbar sollen wir rechts abbiegen, denn der ID. Buzz AD spurt brav ein und kommt vor der Ampel zum Stehen. Es ist kein abruptes Bremsmanöver, vielmehr ein sanftes Verzögern. Das Lichtsignal wechselt die Farbe, was unser Shuttle sofort erkennt und die Fahrt mit einem sauberen Rechtsabbiegemanöver fortsetzt. Und jäh wieder unterbricht, weil ein Fussgänger vor dem ­herannahenden ID. Buzz AD über die Strasse eilt. «Ich würde jetzt sicher hupen», denke ich mir. Aber unser virtueller Chauffeur bremst einfach ab, wartet computerseelenruhig, bis die Strasse frei ist, und setzt das Fahrzeug wieder in Bewegung.

 

Fehlerlos im Stadtverkehr

Die Anspannung bei uns Passagieren im Fond ist bald verflogen. Unglaublich, wie schnell man Vertrauen in die Technologie schöpft. MOIA-Mann Christoph Ziegenmeyer war sowieso von Anfang an locker drauf – noch viel lockerer als der hinter seinem entspannten Gesichtsausdruck vermutlich doch sehr konzentrierte Sicherheitsfahrer. Ziegenmeyer beantwortet derweil geduldig unsere Fragen. Für ihn ist es natürlich nicht die erste Testfahrt. Er weiss genau, was das Fahrzeug kann. «Wir haben unter verschiedensten Bedingungen über 600 000 Testkilometer zurückgelegt – ohne einen einzigen Zwischenfall», sagt er stolz. Trotzdem erstaunt es, wie gelassen der Kommunikationschef wirkt. ­Heute feiert der serienreife ID. Buzz AD nämlich seine offi­zielle Weltpremiere. Und sollte an diesem Tag im Juni, wenn rund 60 sensationshungrige Medienschaffende in die verfügbaren Fahrzeuge einsteigen, etwas schieflaufen, hat MOIA den Salat.

Aber es läuft nichts schief. Nicht einmal ansatzweise; obwohl der Verkehr eine Herausforderung ist. Immer wieder entstehen während unserer Fahrt brenzlige Situationen, für die der ID. Buzz AD überhaupt nichts kann, auf die er aber richtig reagieren muss. In einer Linkskurve hält sich ein Autofahrer für ein verkanntes Formel-1-Talent, überholt waghalsig im Kurveninneren. Unser elektrisch angetriebenes ­Shuttle geht kurz vom Strom und ordnet sich hinter dem Auto ein, als wäre nichts gewesen. Einen Augenblick später verwechselt ein Velofahrer links mit rechts – sein Arm zeigt nach links, er biegt aber prompt nach rechts ab. Der ID. Buzz AD scheint dieses Verhalten antizipiert zu haben. Alles, was seine 13 Kameras, 9 laserbasierten Lidar-Sensoren und 5 Radare sehen, fühlen und messen, führt zu den jeweils korrekten Entscheidungen.

 

Erster seiner Art

Abgesehen von seinem geballten Technologiepaket unterscheiden den ID. Buzz AD noch diverse andere Eigenschaften vom Basisfahrzeug – einem ID. Buzz mit langem Radstand. So besitzt die Version von MOIA ein erhöhtes Dach, eine besonders ein- und aussteigefreundliche Sitzanordnung und anstelle des Beifahrersitzes eine Gepäckablage. Damit ist der Elektro Bulli perfekt gewappnet für seinen zukünftigen Einsatzzweck im sogenannten automatisierten Ridepooling. Per Smartphone-App kann dabei eine Mitfahrt von einem Start- zu einem Zielpunkt nach Wahl gebucht werden.

Der ID. Buzz AD ist zwar nicht das einzige Robotershuttle, er ist aber das erste Serienfahrzeug weltweit, das autonom auf Level 4 fährt – also unter ­definierten Bedingungen fahrerlos. Zudem kann der Elektrobus von MOIA inklusive aller für den Betrieb benötigten Tools bestellt werden, darunter die mit künstlicher Intelligenz arbeitende Software für den Flottenbetrieb.

Das Angebot von MOIA richtet sich vor allem an Städte, die ein solches Konzept als flexible Ergänzung zu den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln mit ihren fixen Fahrzeiten und Stopps einsetzen möchten. So wie Hamburg, wo registrierte Kundinnen und Kunden seit dem 1. Juli den ID. Buzz AD als autonomes Shuttle nutzen können. Und schon nächstes Jahr soll die jetzt noch am Steuer benötigte Sicherheitsperson wegfallen. Bereits heute werden die Fahrten und der Innenraum von einer Einsatzzentrale überwacht.

 

Bald auch in der Schweiz?

Ob und wann der ID. Buzz AD in der Schweiz eingesetzt wird, ist nicht bekannt. Dass solche Fahrzeuge aber bei uns ebenfalls eine Zukunft haben, scheint klar. So hat das ASTRA mit der im März 2025 veröffentlichten Verordnung die Weichen für autonomes Fahren gestellt. Und das AMAG LAB, die Innovationsabteilung der AMAG Gruppe, führt im Rahmen der ZUG ALLIANCE zusammen mit den Zuger Verkehrsbetrieben sowie auch im Kanton Luzern derzeit Machbarkeitsstudien für automatisiertes Ridepooling durch.

In diese Studie ist Michael Gander vom AMAG LAB als Senior Business Development Manager involviert. Und nachdem er ebenfalls eine souveräne Fahrt durch Hamburg mit dem ID. Buzz AD erlebt hat, ist er rundum begeistert: «Die Kombination aus komfortablem Interieur, nachhaltigem Elektroantrieb und einer flüssigen und sicheren automatisierten Fahrweise beeindruckt. Auch herausfordernde Verkehrssituationen hat der ID. Buzz AD fehlerlos gemeistert. Was Volkswagen und MOIA da auf den Markt bringen, ist wirklich einzigartig.» Und wenn es nach ihm geht, hoffentlich auch bald in der Schweiz verfügbar.

TextSimon Tottoli
Fotos MOIA

MOIA –
der Ridepooling-Spezialist

Das 2016 unter dem Dach des Volkswagen Konzerns gegründete Unternehmen konzipiert Mobilitätsdienstleistungen mit dem Schwergewicht Ridepooling. Emissionsfreie Shuttles bringen dabei Fahrgäste «on demand» von A nach B. Bisher wurden in Hamburg und Hannover von Menschen gelenkte, vollelektrische Kleinbusse eingesetzt, die auf dem VW Crafter basieren. Zukünf­­tig will MOIA primär als Technologieanbieter auftreten, der schlüsselfertige Lösungen für Städte oder Verkehrsbetriebe implementiert – mit dem neuen ID. Buzz AD als autonomem Roboshuttle. In Hamburg ist der Testbetrieb bereits gestartet, für 2026 plant Volkswagen zusammen mit Uber erste kommerzielle Fahrten in Los Angeles.

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