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Ein Praxislabor im Grossformat

Ist das bidirektionale Laden das entscheidende Puzzleteil, um die Energiewende voranzubringen? Klas Boman ist überzeugt davon und führt in seiner Siedlung in Schweden – zusammen mit Volkswagen – den europaweit grössten Praxistest durch.

Als er 1980 das erste Mal die Siedlung Stenberg am Rande der schwedischen Kleinstadt Hudiksvall ­besichtigte, wusste Klas Boman: Das ist es! Zum ­Erstaunen des Maklers sagte er sofort zu, ohne den genauen Zustand der bis zu 350 Jahre alten Ge­bäude zu kennen. Sein Sohn war vor Kurzem auf die Welt gekommen und er und seine Frau Kerstin wollten nicht, dass der Kleine in der Grossstadt Stockholm aufwächst, wo sie bisher gewohnt hatten. Also zogen sie 300 Kilometer nach Norden und machten das ehemalige Bauerngut zu ihrer neuen Heimat.

Der studierte Ingenieur war damals bereits selbst­ständiger Berater im Bereich Produktentwicklung und Kommunikation. Seine Firma wuchs stetig, und in den besten Zeiten hatten in der zum Büro umgebauten Scheune bis zu 25 Mitarbeitende ihren Arbeitsplatz. Als Klas Boman das Unternehmen 2017 verkaufte, standen aber auf einmal 800 Quadrat­meter leer. Es stellte sich die Frage: Was nun?

«Ich hatte für Stenberg schon länger die Vision einer Genossenschaftssiedlung, die mit erneuer­baren Energien ­betrieben wird und möglichst ­autark sein sollte», erzählt der 75-Jährige, der auch im Pensionsalter nicht vor grossen Projekten zurückschreckt. Teil dieser Vision war zudem, auf Elektroautos zu setzen, die dank bidirektionalem Laden als Batterien auf Rädern dienen.

Nachhaltigkeit im Vordergrund

Bereits 2018 ging es an die konkrete Planung, bald ­wurden erste Häuser um- und neue dazugebaut. Wichtig war Klas Boman dabei, dass die verwendeten Materialien möglichst CO2-neutral sind. Auch die engagierten Handwerker hatten einige Auf­lagen in Sachen Nachhaltigkeit zu erfüllen. Sie durften beispielsweise nur zu Fuss, mit dem Velo oder dem Elektroauto auf der Baustelle erscheinen. Das führte dazu, dass eines der Bauunternehmen am Schluss vier E-Autos in der Flotte hatte: je zwei vollelektrische e-Caddy und e-Transporter von Volkswagen Nutzfahrzeuge.

Heute leben auf dem einen Hektar grossen Gelände 22 Personen in acht Wohneinheiten, die die Bewoh­ner erworben haben. Die meisten Häuser haben Passivhausstandard, geheizt wird mit einer geothermischen Wärmepumpe, die über neun Bohrlöcher betrieben wird. Und 166 Solarpanels liefern eine ­Maximalleistung von 65 Kilowattpeak. 

Kommt vom Dach mehr Strom, als genutzt werden kann, wird dieser nicht einfach in das Netz eingespeist, sondern zwischengespeichert. Dafür stehen – nebst vier stationären Batterien – die Akkus von acht ID.4 GTX zur Verfügung, die vollständig in das Energiesystem des Anwesens integriert sind. Solange sie an einer der bidirektionalen Ladestationen eingesteckt sind, können sie sowohl geladen als auch ent­laden werden, und vervielfachen ­damit die Speicherkapazität: Die stationären ­Batterien verfügen zusammen über 52 Kilowattstunden – weniger als ein einziges Auto. Sind alle ID.4 GTX aufgeladen, könnte Stenberg eine Woche lang autark funktionieren.

Sind alle ID.4 aufgeladen,
könnte Stenberg eine Woche
lang autark funktionieren.

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«Als Klas Boman mit seiner Idee auf uns zukam, ­waren wir rasch mit an Bord», erinnert sich ­Jan-Luca Barck, Business Owner Charging bei Volkswagen. «Denn das Projekt Stenberg ist europäisch einzig­artig.» Was die schwedische Siedlung so speziell macht: Die Autos liefern die Energie ­einerseits zurück in das Haussystem (im Fach­jargon ­Vehicle-2-Home genannt), sind andererseits aber auch in das öffentliche Netz eingebunden ­(Vehicle-2-Grid).

Mit E-Autos Geld verdienen

Konkret können die Autobatterien etwa die Stromspitzen der Siedlung glätten (Peak Shaving), indem sie Energie an die Häuser abgeben, wenn besonders viel verbraucht wird. Im Falle von Stenberg lassen sich so jährlich Hunderte Euros sparen, da Privathaushalte in Schweden nicht für die Anschlussleistung zahlen, sondern für die Lastspitzen. Oder die ID.4 GTX werden über das Netz geladen, wenn der Strom besonders  günstig ist, um ihn bei Höchstpreisen wieder zu verkaufen. Bald wird auch die Möglichkeit bestehen, die Autobatterien den Elektrizitätsunternehmen für die Netzstabilisierung  zur Verfügung zu stellen, wofür die Besitzer entschädigt werden.

All dies geschieht voll automatisiert. Eine kleine unscheinbare Box am smarten Stromzähler bestimmt, wann und in welche Richtung Elektrizität fliesst. Die Box ist mit der «Energy Bank» verbunden, einem Start-up in Zürich, dessen Software laufend den eigenen Energieverbrauch, die Wetterdaten oder die Strommarktpreise überprüft. Und hier kommt wieder Klas Boman ins Spiel: Er hat die Energy Bank vor knapp zehn Jahren gegründet und, als es um das Hochskalieren ging, Teile davon an Partner in der Schweiz verkauft.

Bewegte Geschichte: Vor rund 350 Jahren als Bauerngut ­gegründet, ist Stenberg in der schwedischen Gemeinde ­Hudiksvall heute eine Genossenschaftssiedlung.

Acht ID.4 GTX stehen als mobile Speicher zur Verfügung, die überschüssigen Strom der Photovoltaikanlage zwischen­speichern und auch die Wärmepumpe betreiben können.

Die acht vollelektrischen ID.4 GTX, die Volkswagen den Bewohnern der Siedlung zur Verfügung stellt, sind ganz nor­male Serienfahrzeuge. Denn seit 2023 können alle ID. Modelle mit mindestens 77-kWh-Batteriekapazität und Software 3.5 oder höher bidirektional laden. «Wir sind damit allen anderen meilenweit voraus», betont Jan-Luca Barck. «Trotzdem gibt es noch viel zu lernen, und Stenberg ist für uns das perfekte Praxislabor.»

Die Batterien leiden kaum

Positiv überrascht ist man bei Volkswagen über die Reaktionsschnelligkeit der Batterien: Innerhalb von 95 Milli­sekunden können die Autos Energie liefern und sind damit deutlich schneller als etwa die grossen Speicherzentren. ­Bestätigt wurde zudem, dass das regelmässige Be- und Entladen kaum Aus­wirkungen auf den Gesundheitszustand der Batterie hat.

In einem nächsten Schritt wird das Projekt auf Volkswagen Händler in Schweden ausgeweitet. Sie sollen anschliessend ihre Kunden beim Kauf eines neuen Elektroautos direkt vom bidirektionalen Laden überzeugen. Auch in der Schweiz geht es vorwärts: Die AMAG engagiert sich gleich in drei Pilotprojekten, die das «BiDi-Laden» in die ­Praxis bringen (siehe Box). 

Klas Boman ist sich sicher, dass die neue Technik der ­E-Mobilität einen gewaltigen Schub verleihen wird. Denn auf einmal ist ein Auto nicht mehr nur ein Kostenpunkt, sondern generiert auch Ein­nahmen. Vor allem aber hat das bidirektionale Laden das Potenzial, die Energie­wende rasch ­voranzutreiben. «Es ist fast schon paradox», sagt der ­Visionär. «Bisher galt das Auto quasi als Synonym für Umwelt­verschmutzung und als eine der Hauptursachen des Klimawandels. Und jetzt wird es zu einem Schlüsselfaktor der Umstellung.»

TextReto Neyerlin
Fotos Emil Gustafson

Pilotprojekte in der Schweiz

Seit September 2025 testet die AMAG im Rahmen der ZUG ALLIANCE, einem Zusammenschluss aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, das bidirektionale Laden in der Praxis. Konkret werden bei der AMAG Zug Elektroautos, die gerade nicht gefahren werden, an bidirektionalen Wallboxen eingesteckt. Das Energiemanagementsystem «Helion ONE» vernetzt anschliessend Solaranlage, Wärmepumpe sowie Ladestation und optimiert deren Zusammenspiel. Die Fahrzeuge und ihre Batterien werden überdies für sogenannte Systemdienstleistungen verwendet, etwa indem sie durch gezieltes Laden und Entladen zur Netzstabilität beitragen.

Ebenfalls beteiligt ist die AMAG Group an zwei weiteren Projekten der ZUG ALLIANCE: Bei «Peak Shaving» werden auf dem Papieri-Areal in Cham die bereits vorhandenen Carsharing-Fahrzeuge des zur Gruppe gehörenden Mobilitätsanbieters «allride» in das Arealnetz integriert. Die Batte­rien der Fahrzeuge dienen so zusätzlich als Puffer, um die Lastspitzen zu reduzieren. Und auf dem kantonseigenen landwirtschaftlichen Betrieb «Schluechthof» wird der Eigenverbrauch optimiert, indem der von der Solaranlage tagsüber erzeugte Strom gespeichert und zu einem spä­teren Zeitpunkt verwendet wird.

In all diesen Projekten kommt die Ladestation «Helion BiDi» zum Einsatz. Sie ist seit Anfang dieses Jahres für Privat- und Firmenkunden in der Schweiz erhältlich – und macht das bidirektionale Laden dank ihres attraktiven Preises von 3300 Franken (exklusive Installation) erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

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