«Design ist Teil der Haltung»
QWSTION prägt die urbane Schweiz mit seinen Taschen aus nachhaltigem Bananatex. Mitgründer Christian Kägi erklärt, warum Kreislaufprodukte im heutigen System teurer werden – und wieso Reparieren oft die radikalere Innovation ist als das nächste grüne Produkt.
In einer Welt, in der alles und jeder nachhaltig sein will, sprechen Taten oft lauter als Worte. Christian Kägi jedenfalls lebt die Philosophie seines Unternehmens ganz selbstverständlich vor: Als wir ihn in den QWSTION-Räumlichkeiten in Zürich Altstetten besuchen, steht der Geschäftsführer mit dem Staubsauger in der Hand in seinem Studio und reinigt den Boden. Eine kleine Szene, die viel erzählt – über ein Label, das sich die Reduktion aufs Wesentliche auf die Fahne geschrieben hat und mit bodenständigen, nachhaltigen und dennoch stilsicheren Produkten grosse Erfolge feiert.
Christian Kägi, Nachhaltigkeit ist heute für viele das Gebot der Stunde, doch manchmal wirkt es eher wie ein Modewort. Wann wurde Nachhaltigkeit für Sie persönlich ernst?
Bei mir war es weniger ein einzelnes Schlüsselerlebnis als eine Grundneugier. Ich wollte immer verstehen, was unter der Oberfläche steckt: Woher kommen Dinge, aus welchen Rohstoffen bestehen sie, wer stellt sie her? Und warum haben wir als Gesellschaft bei vielen Alltagsprodukten den Bezug verloren? Kaum jemand kann heute erklären, wie ein Textil entsteht oder was in einem simplen Gegenstand an Material und Know-how steckt. Diese Entkopplung ist für mich ein Kernproblem. Denn wenn wir Dinge nicht mehr verstehen, sinkt auch die Wertschätzung. Dann repariert man weniger – und wirft schneller weg.
Profitieren Sie als Marke vom Nachhaltigkeitstrend?
Ja und nein. Tatsächlich gibt es heute mehr Interesse an Herkunft, Material und Produktion – das merken wir. Aber wir spüren auch Schwankungen. In den letzten Jahren ist Nachhaltigkeit in der öffentlichen Diskussion teilweise verdrängt worden, weil andere Themen sehr dominant wurden: Preise, Inflation, steigende Mieten, Lebenshaltungskosten. Wenn Menschen weniger Geld zur Verfügung haben, verschieben sich die Prioritäten. Gleichzeitig sehe ich Nachhaltigkeit als eine kontinuierliche Entwicklung, in der wir noch mittendrin sind.
Für QWSTION und seine Kundschaft ist das Thema aber nach wie vor ein zentrales Argument. Wer kauft Ihre Produkte? Sind das vor allem junge, urbane Velofahrerinnen und Velofahrer, wie es das Klischee will?
Das Urban-Argument liegt natürlich nahe, aber so einfach ist es nicht. Unsere Kundschaft ist recht breit gefächert, sowohl altersmässig als auch «Stadt vs. Land». Was sie verbindet, ist vielmehr ein gemeinsames Mindset: eine gesunde Neugier für Zusammenhänge und sicher auch eine gewisse Designaffinität.
Das Design als Türöffner?
Das würde ich so unterschreiben. Wenn dich ein Produkt visuell gar nicht anspricht, setzt du dich meist auch nicht mit dem Rest auseinander. Wenn es aber einen Zugang schafft, entsteht Raum für die Fragen dahinter: Woraus ist es, wie wurde es gemacht, wie ist der Prozess?
Viele nachhaltige Produkte hatten lange das Image von Jutesack-Ästhetik. Sie waren alles andere als sexy. Warum ist QWSTION nie in diese Ecke geraten?
Weil wir Design nicht als Dekoration obendrauf sehen, sondern als integralen Teil der Haltung. Es braucht Priorität, Zeit und Ressourcen – in der Entwicklung, im Prototyping, in den Prozessen. Wenn Design «nice to have» ist, wird es beliebig. Bei uns ist es Kern.
Ganz konkret: Was ist für Sie «gutes Design»?
Ich orientiere mich an der modernistischen Tradition des Schweizer Designs: sinnvoller Materialeinsatz, materialgerechte Lösungen, Reduktion aufs Wesentliche. Ein Material muss zum Einsatz passen, nicht umgekehrt. Und diese Reduktion führt oft zu Langlebigkeit – ästhetisch und funktional.
Je reduzierter, desto zeitloser?
Ich glaube, da gibt es durchaus einen Zusammenhang. Viele Entwürfe aus den 50er- und 60er-Jahren wirken heute noch stark, gerade weil sie nicht an Trends kleben. Wenn man permanent dem «Zeitgeist» hinterherjagt – einmal so, einmal so –, ist man irgendwann draussen. Reduktion ist ganz sicher ein Weg, um zeitloser zu werden.

Ganz schön bunt: die QWSTION- Räumlichkeiten in Zürich Altstetten. Hier wird in Handarbeit aufs Wesentliche reduziert.
Bei uns schwingt
immer eine
gehörige Portion
Idealismus mit.
Christian Kägi
Im Gespräch wird klar: Kägi denkt Design nicht als schöne Form, sondern als System – mit Materialwahl, Herstellungsprozess, Marktlogik und Preispunkten als Teil derselben Aufgabe. Diese Haltung prägt QWSTION bis heute.
Zürich hat mehrere Taschenmarken, natürlich denken viele zuerst an FREITAG. Ist dieses «andere Zürcher Label» mehr Inspiration oder mehr Konkurrenz?
Uns ging es weniger um eine Abgrenzung von der Konkurrenz, sondern um den eigenen Ansatz. FREITAG arbeitet stärker mit Recycling und einer bunten, individuellen Ästhetik. Das ist völlig legitim. Wir wollten etwas Universales schaffen: reduziert, in vielen Kontexten einsetzbar, über lange Zeit. Darum arbeiten wir oft mit gedeckteren Farbtönen und einer zurückhaltenden Formensprache.
Sie sprechen bei QWSTION von einem «regenerativen Modell» statt nur von Recycling. Was meinen Sie damit?
Recycling ist im Kern Abfallverwertung – es ist wichtig, aber es setzt dort an, wo schon Abfall existiert. Wir hatten das Gefühl, es gibt Potenzial für einen anderen Ansatz: pflanzliche Rohstoffe, die im Wachstum Kohlenstoff binden. Wenn man mit Pflanzenfasern arbeitet, nutzt man einen natürlichen Kreislauf: CO2 wird gebunden, Sauerstoff abgegeben. Unser Ziel war, Produkte zu entwickeln, die möglichst zirkulär sind. Ein Teil kann kompostiert werden, ein anderer Teil geht in Recyclingsysteme zurück.
Ist das für Sie auch Wirtschaftskritik?
In gewisser Weise ja. Das heutige Wirtschaftssystem beruht zu grossen Teilen auf einer linearen Logik: Rohstoff hinein, Produkt heraus, am Schluss bleibt der Abfall – und oft gibt es keine Lösung für den Abfall.
Bananatex ist die «secret sauce» bei QWSTION. Wie ist dieses Material entstanden – und warum nicht einfach Bio-Baumwolle?
Als wir gestartet sind, waren wir ehrlich gesagt naiv. Wir wollten so weit wie möglich «pflanzlich» arbeiten, hatten aber anfangs nur begrenztes Wissen. Wir haben zuerst konventionelle Materialien genutzt, später Bio-Baumwolle – und relativ schnell gemerkt: Das löst das Grundproblem nicht. Wenn man es ernst meint, muss man in Materialentwicklung investieren. Ein Meilenstein war das eigene Bio-Baumwollgewebe, das 2013 entwickelt und zertifiziert wurde. 2018 kam Bananatex dazu. Für uns war das spannend, weil die Faser von Natur aus reissfest ist, also robust bei geringerem Gewicht als Baumwolle. Zudem ist die Art, wie diese Pflanze kultiviert wird, anders. Sie benötigt kein klassisches Monokultur-Setting, keine Bewässerung, keine Düngung und keine Pestizide. Das verändert den Footprint.
Ist Bananatex als Material heute fertigentwickelt?
Nein. Wir entwickeln konstant weiter – Varianten, Webarten, teilweise auch andere Fertigungstechniken. Und wir testen laufend, auch bei Färbung und Beschichtung. Material ist nie einfach ein statisches «Jetzt haben wir’s».
Sie haben Bananatex auch anderen Firmen angeboten, inklusive Projekten mit der Autoindustrie. Warum?
Nach der Lancierung haben wir entschieden, das Material nicht exklusiv zu behalten. Wir haben mit verschiedenen Brands und Herstellern gearbeitet – von Mode über Taschen, Schuhe und Möbel, und auch im Fahrzeugbereich gab es Experimente. Solche Entwicklungsprojekte haben oft lange Zyklen, gerade in der Automobilwelt.
Das klingt nach kostenintensiver Forschung. Wie finanzieren Sie das?
Wir haben dafür eine separate Struktur im Unternehmen aufgebaut und auch Finanzierung geholt, um einen langfristigen Entwicklungshorizont zu haben. Materialentwicklung ist kostenintensiv, und du musst damit rechnen, dass nicht alles sofort marktreif wird.
Und die Firma selbst – geht es da ums Reichwerden?
Nein, das stand für mich nie im Zentrum. Bei uns schwingt immer eine gesunde Portion Idealismus mit. Wir wollten zeigen, was möglich ist, wenn man sich richtig dahinterklemmt. Und ja, Risiko gehört dazu. Experimentieren braucht es. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Ohne Bereitschaft zum Risiko entsteht nichts Neues.
Bananatex
Bananatex® ist ein Gewebe aus Abacá-Fasern (Musa textilis), das das Zürcher Label zusammen mit taiwanesischen Garn- und Webspezialisten entwickelt hat. Entstanden ist es nach Jahren der Forschung und Praxisarbeit entlang der Kette – vom Rohstoff bis zum fertigen Textil. Die Abacá-Pflanzen wachsen auf den Philippinen in einem vielfältigen, regenerativen Anbausystem; die Fasern werden nach dem Schälen an der Luft getrocknet und weiterverarbeitet. Der Anspruch: ein kreislauforientiertes, pflanzenbasiertes Textil ohne erdölbasierte Fasern und ein Material, das sich für verschiedene Anwendungen skalieren lässt.
QWSTION
QWSTION wurde 2008 in der Schweiz gegründet. «Weil wir damals keine Tasche finden konnten, die sowohl auf dem Velo als auch in einem formelleren Kontext getragen werden kann, entschieden wir uns, sie selbst zu kreieren», heisst es in der QWSTION-Story. «In einer Welt des Überflusses war uns klar, dass wir nur dann neue Produkte anbieten sollten, wenn wir dadurch einen Beitrag zu positiver Veränderung leisten können.» Drei der fünf ursprünglichen Gründer sind noch heute aktiv. QWSTION ist in der Schweiz bei rund 30 Retail-Partnern erhältlich, im Ausland unter anderem in England, Deutschland, Schweden und Österreich.
Sie sagen aber auch: Kreislauf macht Produkte teurer.
Ja, weil das System viele Kosten auslagert. Je kreislauffähiger du ein Produkt gestaltest, desto teurer wird es – im heutigen System. Profit ist oft das Externalisieren von Kosten: in die Zukunft, auf andere Teile der Gesellschaft, auf Umwelt und Gesundheit.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
CO2 ist eines: Als Unternehmen bezahlen wir für viele Emissionen faktisch zu wenig oder gar nichts. Oder Mikroplastik: Die Folgekosten in Gesundheits- und Ökosystemen tauchen nicht auf der Rechnung des Produkts auf. Doch wenn du diese Kosten «internalisierst», wird es teurer.
Wie reagieren Sie darauf – als Designer?
Indem wir den Materialverbrauch minimieren und das Design konsequent hinterfragen: Welche Schichten braucht es wirklich? Welche Details sind funktional zwingend? Das hilft, aber es hebt die Systemlogik nicht komplett auf.
Konnten Sie die Preise trotzdem stabil halten?
Im Sinne von «gar keine Anpassung» – nein. Aber wir konnten den Effekt dämpfen. Und wir versuchen, die Komplexität verständlich zu machen. Wir haben selbst Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Diese Hintergründe erklären wir im Store und über unsere Kanäle.
Ein Produkt,
das du reparierst,
lebt Jahre
länger.Christian Kägi
Sie fertigen auch in Asien. Für viele ist das ein Reizthema.
Textil-Know-how und Fertigungstechnik sind in der Schweiz seit den 70er-Jahren abgewandert. Heute ist es Realität, dass viele Kapazitäten in Asien liegen. Wir sind über persönliche Netzwerke in Asien mit Manufakturarbeit in Kontakt gekommen, weil dort Know-how, Qualität und Preisstrukturen vorhanden sind. Wir sind aber offen und versuchen auch in Europa und punktuell in der Schweiz wieder mehr aufzubauen.
Was ist für Sie der sinnvollste Hebel in der Schweiz?
Reparaturen. Ein Produkt, das du reparierst, lebt Jahre länger. Es macht ökologisch keinen Sinn, das irgendwohin zu schicken, also machen wir Reparaturen hier. Dazu kommt Upcycling: aus alten Produkten neue Dinge machen. Teilweise geschieht das im Studio, teilweise mit Partnern – auch mit sozialen Diensten in Zürich. Und wenn man lokal herstellen will, muss man schon im Designprozess darauf eingehen: Produkte so entwerfen, dass sie mit den Technologien und Fertigkeiten hier effizient hergestellt werden können.
Sie sind Designer und Geschäftsführer. Passt das?
Für mich ja, weil Design holistisch ist. Design ist nicht nur Skizze. Es sind Materialwahl, Herstellungsprozesse, Marktbedingungen, Preispunkte. Am Anfang war ich stärker bei kreativen Themen, später bin ich in die Geschäftsführung gewachsen. Nicht weil ich das gesucht habe, sondern weil es logisch ist, wenn man den ganzen Prozess mitgestalten will.
Fahren Sie Auto?
Ja, einen Youngtimer. Ich wohne in der Stadt, und ehrlich gesagt wollte ich ihn längst verkaufen. Aber als bei uns eine teure Reparatur anstand, haben wir entschieden, zu reparieren und das Auto so lange zu fahren, wie es geht – auch weil das in der Gesamtbilanz sinnvoller sein kann als vorschnell zu ersetzen.
Auch da haben Sie also zuerst eine «QWSTION» gestellt und hinterfragt, bevor Sie gehandelt haben.
Das kann man so sehen. Offenbar liegt das einfach in meiner Natur. Und vielleicht ist genau das der rote Faden: Nicht die schnellere Antwort zählt, sondern die bessere Frage.
Text Lukas Rüttimann
Fotos Dominique Zahnd
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